Der rote Faden

Renarration of the film DREAMS THAT MONEY CAN BUY by Hans Richter with the participation of Alexander Calder, Marcel Duchamp, Max Ernst, Fernand Léger, Darius Milhaud, Man Ray et al. in six acts

text | translation into german alexandra reill, 2012 / slightly modified version 2020
production kanonmedia | vienna 2012 / 2020

please note: this text is written in german only.

INTRO / PROLOG: 
WIRTSCHAFTLICHE DEPRESSION oder DAS LEBEN ALS KÜNSTLER

Geldgeschäfte, Geschäftsmänner, Geschäftsfrauen, Börse, Aktien, Spekulationen, Papiere, Verträge, Abmachungen, Macht, Überschätzung seiner selbst, Überschätzung ihrer selbst.
Bürokratie, Ordentlichkeit, alles in Ordnung bringen; Immobilien, Kleinfamilienhäuser, Vorstadtsiedlungen, der kleine Mann, die kleine Frau; US Immobilienkrise 2008; Covid 2020.

Verzweiflung, Armut, Rauchen, Trinken, der Bad Hero wird geächtet; Verschuldung, Verpflichtungen, Zeit stiehlt die Zeit, Verpflichtungen stehlen die Zeit, die Frau läuft einem davon, der Mann läuft einer davon, „die Menschen ziehen Geld dem Traum vor.“1 Die Menschen ziehen Macht der Liebe vor.

Tränen, Verzweiflung. Ich-AG. Heute ist man nicht verzweifelt, man ist immer leger. Stark, gut gelaunt und erfolgreich. Beautiful People. Neoliberales Zeitalter. „Heutzutage weint man nicht, heutzutage lebt man oder man stirbt.“2

Ein Mensch, der schläft …3

Zweifel, Selbstentwertung, Hoffnungslosigkeit; „get yourself together!“4
Innenwelt, Freiheit, Schönheit, Blick, Auge, Spiegel, KünstlerIn, die Existenz der Künstlerin, die Existenz des Künstlers. „Das Auge ist eine Kamera.“5 Bilder ziehen durch den Geist.
Schatten des Gesehenen. Erinnerungen.Vielleicht beleben Träume ja das Bankkonto.Jeder hat doch Träume, Joe.Denk‘ nach. Kannst du in dich blicken, so kannst du in jede andere und jeden anderen blicken. Perspektivenwechsel. Träume verkaufen. Das können sieben Milliarden Menschen brauchen.
Ein Wunder.
Nimm‘ einen Kredit auf.

AKT 1: DIE SPIESSERiNNEN und DAS CHRISTENTUM

Modern sein. Dann macht man Geschäfte.
Auf die Gelegenheit hoffen.Das nächste Wunder kommt bestimmt.
Unsichere Zeiten.
Wo kommen wir her?
Hellenismus. Christentum.
Sich beweisen müssen.

Lampenfieber. Das Ehepaar. Die Spießer. Die Spießerinnen. Kleiner Bankangestellter, kleine Bankangestellte. Ordentlich. Genau. Die Frau wünscht sich ein Füllhorn. Praktische Werte zur Erweiterung des Horizonts.
Von Jakobs Kissen zu Freuds Couch.

Bilder sammeln. Sinn der Kunst. Salonkunst. Galerienkunst. Museumskunst. Kunstbetrieb. Kunstmessen. Design? Thema? Farbe? Lüge? „Verstehe: der Verkauf von Anleihen und Krediten verschwindet in der Kunst.“6Vergänglichkeit. Goldene Henne. Küsse das goldene Ei. Du willst es küssen, selbst wenn du daran erstickst. Ach, wie ist es schön, niedlich zu schlafen. Mit Spitze bedeckt. Ein goldener Käfig. 

Die Nachtigall ruft.
Riesige Nachtigallen. „Ihre Brüste waren rau und haarig.“7 „Manche hatten Narben, manche Hufe.“8 Ein aus Stein gemeißeltes Telefon. Mit hellenistischem Antlitz. Gefallen. Verrauchend. Verstorben. Nach der Welt.

Wage dich in deinen Keller. Durch die dunklen Gänge. Liebe und Freude.Bitte nochmals.
„Was anderes ist Liebe als der Welt innerstes Prinzip in Aktion?
Was anderes ist Unschuld als ein Paar Handschuhe, um die Hände zu wärmen? Bewundernswert.“9 „Einfach falsch.“10„Der Herr Premier. Der Herr Kanzler. Sie haben mich getötet. Die Nachtigallen haben mich in den Rücken geschossen.“11

Ein letzter, zerfetzter Segelmast.
Ich rette dich vor deiner Angst. Dann wird alles gut. Der Prunk wird dir kommen. Friede herrsche auf Erden. Dann schaffen sogar die Kammerdiener und die Zofen den Weg aus den dunklen Gängen. Auch wenn es weiterhin raucht. Ich entführe dich. Ich rette dich vor deiner Unschuld.
Und sie werden älter und älter. Hallelujah!

Die Schärpen vertragen sich mit dem Hunger nicht.
Die Würfel rollen. Im Laube des Herbstes.
Zur Seite geschoben, der Hunger. Fliege, goldenes Ei, fliege!
„Wie schön es ist ….! Wer möchte mit mir unter meinen warmen weißen Rock schlüpfen?“12
Der kleine Bankangestellte. Das hat sich gelohnt.

AKT 2: DER GUTE MENSCH oder auch DAS KALTE HERZ

Man sehe sich amerikanische Kleinfamilienhäuser an;13 und Peter Tscherkassky, Outer Space.14

Der alte Bankangestellte ist von dem jungen Mädchen mit strenger Brille und Baskenmütze ganz angetan. Doch die alte Gattin mag das gar nicht. Es gilt zu folgen. Zeus schaut zu.

Das Mädchen wünscht sich keinen Traum. Sie will, dass der Künstler unterschreibt. Ganz egal was, solange er etwas unterschreibt. Im 20. Jahrhundert, im 21. Jahrhundert noch mehr, braucht es eine Normierung internationaler Zeitpläne.Und die Ampeln müssen einheitlich geregelt werden. Komitee hier, Komitee da. Petition hier, Petition da. Triff‘ Deine Wahl, unterschreibe etwas. Trag‘ dich irgendwo ein. 

Warte mal, Joe, du willst nirgendwo Mitglied werden.
Er verstehe nicht, er müsse jedenfalls irgendwo dazugehören, sonst wisse niemand, wer er ist.
Sorry, Mademoiselle, ein andermal.

„Verdammt.“15 Dann sollte ich vielleicht meine Hühnerbrüste ein bisschen mehr brüsten.
Was ist Ihr Ziel im Leben, Ihre Pflicht? Wie nur können Sie Selbstachtung bewahren?
„Aufpassen, Joe, sie ist charmant, aber bevor du dich versiehst, […] wird sie zu weinen anfangen.“16 Sie beginnt zu weinen.
„Organisationsneurose.“17 „Wenn man nur tiefer in ihre Augen blicken könnte. Die Tränen lassen alles verschwimmen.“18

Die strenge Brille wird wieder aufgesetzt. Moralisch wird wieder der Blick. Dann wird die Mappe eben wieder geschlossen. Energisch steht sie auf und geht. Reue. Ein zweiter Versuch. Sie kommt zurück. Die Mappe wird wieder geöffnet. Ok, dann unterschreibe ich eben etwas. Was macht es schon für einen Unterschied? Ich werde sowieso nie zu irgendjemandem gehören.

Der zweite Versuch hat geklappt. Und die Moral sagt: ich schenke dir einen Kuss zum Abschied. Die Chance, in ihre Augen zu blicken. Ihr Blick verrückt. Venus geht im Rauch auf.
Eine zerbrochene Puppe. Unberührt jeglicher Menschlichkeit. Eine Schaufensterpuppe.
Und der Tango dreht sich weiter. Erstarrt bleiben heißt die Devise, auch wenn sich das Leben dreht. „Dann bekommt die Glatze eine Frisur. Vorgefertigte Kunst. Sie bereitet sich auf das Leben vor. Vorgefertigte Frau …“19

„Er war reich und seine Liebe zu dieser Frau war echt.“20 „Es musste Schicksal gewesen sein, dass er an ihre Tür geklopft hatte.“21 „Noch mehr, sie waren füreinander geschaffen.“22
„Das weiße Hochzeitskleid ist eines der Industrie.
Ich schenke dir sterilisierte Blumen. Sie sind aus Plastik.
Ich bringe deine verborgenen Träume ans Tageslicht. Ich versetze die Räder in deinem Gehirn in Drehung. Der Beweis wird zeigen, dass du harmonisch funktionieren kannst.“23

Die Diamanten funkeln. Armreifen und Ringe sind praktische Dinge.
Als gesundes Mädchen braucht man solche Dinge.
Blond sei die Frisur. Die Natur sagt mir, dass ein gesunder Verstand Diamanten und Gold braucht. Was für ein wundervoller Moment. Ich suche um deine Hand an. Und besiegle mit einem technischen Kuss. Du bist die Verkörperung all dessen, das ich mir jemals vorstellen konnte. Sag mir, das dich das berührt.
Pass auf meine Frisur auf! Und auf mein neues Kleid!
Du bist ein Engel! Liebste, Süßeste, junge Königin!
Natürlich helfen die Brüder und Schwestern.

„Sie würden schmelzen, würde ein Gefühl in ihnen aufkommen.“24
Die Räder drehen sich.„Bringe deine Träume in die Wäscherei.“25

„Sie muss auf ihrer Einsamkeit beharren.“26 Sie fährt und fährt und fährt. Strengt sich auf ihrem Fahrrad an.Bis in den Abend hinein. Um von vorne wieder zu beginnen. „Nur mit dem einen Unterschied, dass es niemanden mehr gibt, der überleben könnte. Ein Mädchen mit vorgefertigtem Herz. Ein liebesgeprüftes, unbrechbares Herz. Und so fährt sie weiter durch den Abend, bleibt wie sie ist, ist wie zu Beginn, denn es ist niemand mehr am Leben, der ein Mädchen mit vorgefertigtem Herzen überleben könnte.27

AKT 3: DIE MITLÄUFERiNNEN oder DAS RISIKO DES LEBENS

Die Gattin des Bankangestellten kehrt zurück. Was tut sich in dieser Klinik des Künstlers?
Es geht um Verantwortung. Verantwortlichkeit in den Kommunen. Es erschöpft einen. Schrecklich. Ganz nervös macht einen das.
Aber vielleicht geht es ja auch anders. Deswegen bin ich hier, aus Neugier. Obwohl es hier ja eigentlich nichts zu entdecken gibt, dieser Mann ist offensichtlich irgendein Trugschluss. Aber ok, ok, frag‘ ihn, frag‘ ihn ….

„Ich möchte eine Behandlung, dieselbe, die mein Gatte erhalten hat. Sind Sie an meinen Symptomen interessiert? Ich bin einfach dumm, wieso sollte er? Was auch immer es ist, ich hasse diese Atmosphäre.

Er zeigt mir ein Foto, wieso zeigt er mir dieses Foto, er will wahrscheinlich meine Reaktion testen. Ich habe keine, ich lebe in einer Muschel. … Was für ein hübsches Paar, was für ein hübsches Mädchen, es erinnert mich an mich, als ich jung war. So war ich. Verloren in Millionen von Teerunden, Charity-Feiern und worin noch … Könnte ich nur alles in kleine Splitter zerteilen, kleine Splitter, kleine Splitter …“28

„Vor der Rache warnt der Priester das halbwüchsige Mädchen. Wie leicht könnte sie von einem exotischen Prinz verführt werden. Riskieren würde sie dieselben Zerstörungen, die ihre Opfer treffen.

Ich lache mit dir. Aber nur jene, die Risiko eingehen, leben Leben, alle anderen laufen in das Risiko, alles zu verlieren.“29 Der Tango spielt.

Wir gehen ins Kino. Das Publikum setzt sich.„Guten Abend, Sie werden heute Abend den wohl ungewöhnlichsten Film sehen, der jemals produziert wurde, denn er wird aus den Farben und Tönen bestehen, die sie aus ihren eigenen Gesprächen einbringen und indem Sie das tun, was ich Ihnen vorführe. Aber für einen wirklichen Erfolg dieses Films ersuche ich Sie um echte Kollaboration. Machen Sie mir einfach alles nach.“30

Blicken wir in die Ferne. Nur ungerne. Strecken Sie mir Ihren Arsch entgegen. Gerne. Knien Sie nieder und beten. Wie klug bin ich, dass ich das nicht tue. Ich wusste immer schon, dass ich klüger als alle anderen bin. Gehen Sie. Selbstverständlich.

Rosen und Revolver. Darüber können wir nur lachen.„Betrachtet man die Vorderseite des Buches, so erkennt man, worum es geht – den Titel, das Thema. Dreht man es aber um, erkennt man erst das Wichtigste: wann es geschrieben wurde.“31 Man Ray 1950. Feuer und Wunden des Krieges.

Der Gattin verschwimmt in der Erinnerung des Feuers der Blick.Bemerkungen dazu, Madame?
In keinem Falle. Ich zahle bar.
„Warten Sie, gehen Sie da nicht hinaus.“32
Menschentumulte. Der Zug rast vorbei. Der Offizier tut seinen Dienst. Die Liebe wird geschlagen. Warnungen vergehen im Wind.

AKT 4: GELD, GIER, GEWALT und DIE EINFACHSTE LÖSUNG

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.33

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu Euch! Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und läßt andere kämpfen für seine Sache, der muß sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn er wird kämpfen für die Sache des Feindes, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat. Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und läßt andere kämpfen für seine Sache, der muß sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn er wird kämpfen für die Sache des Feindes, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.34

Schließen Sie die Tür. Gehen Sie da hinüber und setzen Sie sich.
„Was geht in diesem Manne vor? Sieht nach einem Notfall aus.“35 Ein Mafioso, der von seinen Handschellen befreit werden möchte.„Nicht genau das meine, Joe.“36 Aber leicht gelöst.

Und nun? Geben Sie mir Feuer! Sicher.
„Der Kunde hat immer recht. Hier haben wir das Problem: er hat kein Bewusstsein, er hat kein Unterbewusstsein, deswegen wünscht er sich einen Traum.“37 Und wenn es mit Gewalt ist.„Er will, was er will, was er will. Aber er entspannt sich nicht.“38

Der Kunde wird von ebenso einem Mafioso niedergeschlagen.„Nun, so kann man sich auch entspannen.
Danke.
Nun, Sie haben bekommen, was Sie wollten, ich hoffe, das hilft Ihnen.“39

Trance. Duchamps Poesie. Eintauchen in gespiegelte Welten. Den Fokus verlieren. Sich verlieren. Träumen.„Man stelle sich vor, wie so ein Mann so einen Traum haben kann. Wäre er nicht so außenorientiert, könnte er ein Dichter sein.“40

Der Mafioso bedroht den Künstler mit einem Revolver:„Sie bezahlen mich. Geschäft ist Geschäft.“41 Ein Polizist kommt und fragt den Mafioso nach einem Ausweis. Sie verstehen einander prächtig. Die Welt ist in Ordnung. Der Polizist geht wieder, der Mafioso stößt den Künstler in eine Kammer, schlägt ihn nieder und beraubt ihn.

AKT 5: DIE LEICHTIGKEIT DES SEINS oder NICHT ALLES IST EIN GESCHÄFT, oder?

Ein kleines Mädchen und ihr blinder Großvater betreten den leeren Raum.

Aber sogar diese „tiefsten, dunkelsten“ Befindlichkeiten können in Bildern alleine ausgedrückt werden und, aus diesem Grunde, ihre scheinbar ultimative Wertigkeit verlieren. Der weisse Screen am Ende […] ist schliesslich auch nur ein Bild, genau genommen eines, das grell hinaus scheint, auf uns, auf unseren Platz in der Welt und im Film.42Und, allem voran, im Leben.

Der Großvater entrollt ein Stück Draht. Das Mädchen spielt mit einem Ball, wirft ihn immer wieder in die Luft, bis er nicht wieder herabfällt. Ein Schattenspiel entspinnt sich an der Decke. Leichtigkeit. Freude. Spiel. Die Welt dreht sich. Django Reinhardt. Cocteau.43 Die Geige singt.

Das Unterbewusstsein darf spielen. Pfeifen ist so leicht. Beschwingt. Die Dinge spielen miteinander. Der Fisch schwimmt im Wasser. Der Mensch lacht. Schmunzelt. Lächelt. Singt. Wir können fliegen. Schatten und Licht sind eines. Rundes und Eckiges dasselbe. Wir sind eins. 

Der Ball fällt wieder herab, in die Hände des Mädchens. Der blinde Großvater bearbeitet mit der Zange den Draht. Jetzt ist der Ball mehrere, sie werden zu Scheiben, es sind drei kleine, runde Scheiben. Der blinde Großvater hält inne … und öffnet die Tür zur Kammer, aus der der Künstler mit schmerzendem Kopfe tritt. Er geleitet den blinden Großvater zurück zum Stuhl.„Sie handeln mit Träumen? Soll ich Ihnen sagen, wer ich bin? Ich habe sehr, sehr viele Träume.“44

Ein hölzernes Zirkuspferd umkreist wie in der Manege eine kleine Drahtfigur. Die Geige spielt. Die Welt scheint bunt. Der kleine Drahtdompteur bezähmt den Löwen, indem er ihm eine Nuss an den Schädel wirft. Tot ist der Löwe. Noch eine Drahtfigur wird aufgestellt. Ein langer Dolch wird ihr in die Kehle gestoßen. Die Musik spielt. Der Messerwerfer tötet die goldene Ballerina. Mit einem leichten Seufzen fällt sie um. Zwei Sanitäter tragen eine Bahre herbei und tragen die Ballerina hinaus. Ein Tarzan stemmt Gewichte und erntet Applaus. Die Trapezkünstler stürzen ab und werden von einer Hand aufgehoben. Die Bauchtänzerin mit nacktem, fetten Hinterteil schwingt ihre Hüften.

„Es ist ein Geschäft, oder? Es ist ein Geschäft, Großvater.“45

Das Mädchen klaubt ihre Scheiben zusammen und steht auf. Der Großvater greift in die Tasche seiner Schürze, ohne etwas herauszunehmen. Das Mädchen und der blinde Großvater gehen. Der Künstler begleitet die beiden hinaus. Nachdenklich und etwas enttäuscht setzt er sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Auf dass es gleich darauf wieder läutet.

AKT 6: VERFÜHRUNG, ERKENNTNIS oder DIE EINSAMKEIT DES KÜNSTLERS

Er öffnet die Türe. Fragt einen zusammengekauerten, in eine raue Decke eingehüllten Mann, ob er auf ihn warte. Dieser verneint und bleibt hocken. Der Künstler lässt ihn sitzen und geht wieder in sein Büro.

Ein Mensch, der schläft …46

Er findet einen der bunten Jetons des Mädchens auf dem Boden und hebt ihn auf. Spielt damit. Überlegt, denkt nach. Die blaue Scheibe verwandelt sich in ein Auge. Wechselt Farbe. Wird viele.

„Ich wurde in eine ganz normale Familie hineingeboren. Ich war ein junger, gesunder Mann. Meine Zähne waren stark und fest. Dann, auf einmal, gab es diese Explosion. Man weiß es nie. Eines schönen Tages müssen wir alle dem großen Disaster ins Auge blicken.“47 Zu Spieljetons in einer verrauchten Pokerrunde werden die bunten Scheiben. Karten spielende, Zigarren rauchende, Whiskey trinkende Männer. Die Hand hält vor dem Glase inne.„Eines Tages passierte es. Ich wurde mir meiner selbst bewusst. Ich war nicht darauf vorbereitet, als das Unaussprechbare eintrat. Meine Sinne waren stumpf. Ich fühlte nichts. Ich sagte nichts. Ich versuchte, es einzuordnen. Blau. Warum ist Blau wertvoller als Violett oder Weiß? Oder Weiß wertvoller als Violett, Grün oder Blau? Ich musste nachdenken.“48 Im schallenden Gelächter der Zigarren rauchenden Pokerrunde.Was auch immer geschieht, man muss sich in sich selbst zurückziehen. 

„Es ist der finale Rückzug, der alles so verwirrend macht. Weder deine Zeitung, noch dein Arzt, dein Auto, deine Frau noch deine Arbeit können dich aufmuntern. Ich war immer ein anständiger Bürger. Habe die Straße nie bei roter Ampel überquert. Aber jetzt sind alle Lichter aus.“49 Einer nach dem anderen verlässt den Tisch, niemand will mit dem melancholischen Joe zu tun haben. Der Blues. Joe greift wieder zum Alkohol. Starrt die Wände an.„Sie hatten mich verlassen, und die Kälte kroch an mir hoch. Sogar familiäre Gegenstände wurden mir fremd und erschienen mir unfreundlich. Ich hatte nie damit gerechnet, dass sie ein eigenes Leben entwickeln können.“50 Was hat Zeus dazu zu sagen?„Hilf‘ mir, Vater, sagte ich, aber da war keine Hilfe. Da war nur Angst. Alles war kalt. Es war wie Schnee, der auf meinen Hut fiel, und auf mein Herz.

Ich versuchte herauszufinden, was geschehen war. In der Not gibt es ein paar Dinge, auf die man sich verlassen kann. Das Metronom in einem selbst oder das Piano der Mutter. Der Klang einer großen Uhr über dem Kamin. Die sich wiederholenden Qualen der Liebe. Die Besetzung von Holland am 10. Mai 1940. Meine Situation wurde klarer, weil alles andere unklar wurde …
Hoffnung würde mir aus dem Labyrinth hinaus helfen. Wohin? Egal. Ich musste gehen. Und das tat ich.“51

Der Künstler folgt einer sich selbst bewegenden Schnur. Sie führt ihn aus der Wohnung, die Treppe hinab. Zu einer Leiter im Hof, vor der zwei Männer in uniformierter Kleidung stehen. Sie verwehren ihm den Zutritt. Propagieren laut ideologische Postulate, die einander widersprechen. Es werden so viele verschiedene Leitern, dass Joe nicht weiß, welche er erklimmen soll. Joe hat Angst, sich komplett zu verlieren.

Er klettert irgendeine der Leitern hoch. Kriegslärm. Marschieren. Zugrattern. Der Lärm verliert sich. Im blauen Himmel flattern bunte Streifen im Wind.„Warum keine Auszeit nehmen, warum nicht träumen? Jeden Tag. Fühle deine Augen, deinen Mund. Wähle sorgfältig.“52

Joe greift nach den Streifen im Wind. Musik und Mädchen und Autos, suggeriert ihm eine sehnsuchtsvolle Frauenstimme.Der Wochenlohn in jeder, in jeder Woche. Sorge dich nicht. Vergiss die Politik. Plötzlich begriff ich, dass ich meinen Weg verloren hatte, nichts vor mir, nichts hinter mir.

„Alles. Nichts. Alles. Nichts.“53

Er hantelt sich an der Ziegelmauer entlang, schlüpft in ein dunkles Mauerloch. Bunte Metallringe pendeln von der Decke, schwingen hin und her, klappern wie Glas, wie brüchige Scherben. Eine schöne Frau liegt in der Hängematte und lässt das Klirren verstummen. Himbeersaft, rot wie Blut, labt die beiden. Sie fordert ihn auf, glänzende, süße Kirschen mit einem viel zu großen, mit einem viel zu scharfen Messer zu verzehren.

Er versteht und küsst die sich leidenschaftlich hingebende Frau. Ist verführt, ihr die Kehle durchzuschneiden. Und kann sich gerade noch abwenden. Ein rotes Wollknäuel liegt, ausgebreitet wie eine Blutlache, auf dem Holzboden.„Natürlich, wir waren immer verwickelt, es ist unmöglich, sich nicht zu verstricken. Aber da schien sich ein Ausweg zu zeigen, ja. Ganz neu anfangen, ganz neu.“54

Nur unter mühevollem Kampf kann er, das Messer noch immer in der Hand, die Türe öffnen und den Raum verlassen. Draußen hängt wieder der steinerne Kopf des Zeus.„Zurück zu den [… alten] Erinnerungen, wo die Antlitze der alten Götter scheinen, erregen, anregen, um wieder zu verschwinden und unvergessliche Spuren in deinem Geist zu hinterlassen.“55 Er kämpft gegen Rauch.„Entscheide dich endlich. Vielleicht ist es besser so. Um der alten Zeiten willen. Freue dich an deinen Freunden.“56

Die Pokerrunde und sein Zimmer zeigen sich unverändert. Er setzt sich an den Tisch, nimmt die Spielkarten in die Hand, raucht.„Ganz wie in alten Zeiten. Dreh‘ das Radio auf. Dann musst du nicht so viel reden.
Oder ist es jetzt zu spät?
Sicher, alles ist gleich.
Aber du bist nicht derselbe.“57

Im Aschenbecher züngelt eine Stichflamme, Rauch steigt auf, verqualmt den Raum.„Hilfe! Um der alten Zeiten willen! Schau sie dir genau an, deine Freunde! Sei objektiv.

Sie sehen doch irgendwie anders aus …“58 Er dreht einen der Männer zu sich, es ist eine Puppe. Ihre Rippen sind aus Metall, der hölzerne Kopf fällt zu Boden, als er sie dreht. Feuer lodert aus dem hohlen Brustkorb, Rauch steigt auf, füllt den Raum, qualmt aus dem Fenster hinaus.

„Aber sie sind dieselben Menschen. Du bist derjenige, der sich verändert hat. Vorüber ist es mit dem Jetzt. Vergiss‘ es. […] Welchen Sinn macht ein Dach ohne Haus?“59

EPILOG

Er wirft ein dickes Seil zum Fenster hinaus.„In meiner Not musste ich einen Ausweg wählen, den ich nicht mochte. Doch ich hatte mich entschlossen. Der Koffer für die Reise war gepackt.“60

Er klettert, an der Hinterseite des Zeuskopfes vorbei, zum Fenster hinaus.„Ich hatte viel zu lange gezögert.“61

Pfeifen. Eine hohe, eine Arie ohne Text singende Frauenstimme. Er hantelt sich im Rauch, am Seil, die Hausfassade hinunter. Es ist dunkel. Ein dünner Spagat hängt neben dem Seil herab.

„Alle möglichen Erlebnisse gingen mir durch den Kopf. Manche lagen lange zurück. Ich erinnerte mich ohne augenscheinliche Ordnung oder Bedeutung an sie. Ich erinnerte mich daran, dass ich mit meiner zweiten Frau an die Küste fuhr, wo wir Fotos machten, und ein Freund entdeckte am südlichen Himmel einen neuen Stern. Ich sah den lieben alten Ollie in Cattevietta. Und die Welt zerbrach in Stücke, und die Stücke lebten alleine weiter. Aber je weiter ich kam, desto mehr verloren die einzelnen Erlebnisse an Bedeutung. Alles schien gleichzeitig zu geschehen und am selben Ort.“62

Die schöne Frau blickt ihm aus dem Fenster nach. Unheimliche, heulende Stimmen. Dunkle Sirenen. Der Spagat hängt lose und ist gleichzeitig ein nur dünnes Netz.

„Es war eine ziemlich neue Erfahrung. Dann entschied ich mich, mein One-Way-Ticket zu zerreißen und dort zu bleiben, wo ich gerade war.“63

Die Frau schneidet das Seil mit einem großen Messer an. Das Seil knarrt.

„Ich war nicht so weit gekommen, um im falschen Moment zu springen. So eine Beschämung würde ich nicht auf mich nehmen!“64

Das Heulen der Stimmen nimmt zu, die Frau hat das Seil schon fast durchgeschnitten.

„Und, ich mochte es!“65

Er blickt hinauf und sieht die Frau. Sieht entsetzt, was sie tut.

„Ich wäre sowieso gegangen, egal was passiert ist. So vieles liegt vor mir! So viel!“66

Das Seil reißt. Er fällt in die Tiefe.

„Aber ich musste es herausfinden!“67

Nur ein kurzes Stöhnen der Frau. Bunte Tinte färbt klares Wasser. Der zerbrochene Zeus liegt im Regen. Ich habe die ganze Nacht von dir geträumt, singt eine romantische Frauenstimme, verloren in trauriger Sehnsucht. Das Schwarze. Das Weiße. Die Scheiben. Das Auge …

„Aber als ich fiel; bis ich aufschlug; träumte ich von dir.68

Der rote Faden staged at / included in

— in parts in: tribute to hans richter / vie / a / 12

Der rote Faden forms the basis for the text Tribute to Hans Richter.

1 Vgl. Textstelle aus: Hans Richter, Dreams That Money Can Buy, 1947, publiziert auf: http://archive.org/details/dreams-that-money-can-buy, Aufruf: 24/04/2012, Nacherzählung bzw. Übersetzung ins Deutsche: Alexandra Reill
2 Ibid.
3 Alexandra Reill, Assoziation zum Text: Vgl. Georges Perec / Bernard Queysanne, Un Homme Qui Dort 2/6, 1974, http://www.youtube.com/watch?v=dRUAHNRF-9o, Aufruf: 06/05/2012
4 Textstelle aus: Hans Richter, a.a.O.
5 Ibid.
6 Vgl. ibid.
7 Vgl. ibid.
8 Vgl. ibid.
9 Vgl. ibid.
10 Vgl. ibid.
11 Vgl. ibid.
12 Vgl. ibid.
13 Alexandra Reill, Assoziation zum Text
14 Alexandra Reill, Assoziation zum Text: Peter Tscherkassky, Outer Space, 1999, publiziert von: noisewarfare, in: http://www.youtube.com/watch?v=mTarJ0Op7W8, Publikationsdatum: 16/07/2007, Aufruf: 06/05/2012
15 Vgl. Textstelle aus: Hans Richter, a.a.O.
16 Vgl. ibid.
17 Vgl. ibid.
18 Vgl. ibid.
19 Vgl. ibid.
20 Vgl. ibid.
21 Vgl. ibid.
22 Vgl. ibid.
23 Vgl. ibid.
24 Vgl. ibid.
25 Vgl. ibid.
26 Vgl. ibid.
27 Vgl. ibid.
28 Vgl. ibid.
29 Vgl. ibid.
30 Vgl. ibid.
31 Vgl. ibid.
32 Vgl. ibid.
33 Alexandra Reill, Assoziation zum Text: Carl Sandburg, in: The People, Yes, 1936, zitiert auf: http://www.flegel-g.de/stell-dir-vor.html, 26/04/2008, Aufruf: 07/05/2012; vgl. a.: AutorIn ungenannt, in: Zeit Online, http://www.zeit.de/2004/34/N-Zitat_4, 12/08/2004, Aufruf: 07/05/2012
34 Alexandra Reill, Assoziation zum Text: Bertolt Brecht, zitiert auf: http://www.zitate-online.de/sprueche/historische-personen/16244/wer-zu-hause-bleibt-wenn-der-kampf-beginnt.html, Quelle ungenannt, Aufruf: 07/05/2012
35 Vgl. Textstelle aus: Hans Richter, a.a.O.
36 Vgl. ibid.
37 Vgl. ibid.
38 Vgl. ibid.
39 Vgl. ibid.
40 Vgl. ibid.
41 Vgl. ibid.
42 Alexander Horwath, Tabula Rasa and Back. The Avant-Garde Films of Peter Tscherkassky, in: Peter Tscherkassky, http://www.tscherkassky.at/content/txt_ue/05e_horwath.html, Publikationsdatum: 2000, Aufruf: 05/05/2012, Übersetzung ins Deutsche: Alexandra Reill, 2020
43 Alexandra Reill, Assoziation zum Text
44 Vgl. Textstelle aus: Hans Richter, a.a.O.
45 Vgl. ibid.
46 Vgl. Georges Perec / Bernard Queysanne, Un Homme Qui Dort 6/6, http://www.youtube.com/watch?v=cjNXs4pHyYs&feature=relmfu, Aufruf: 06/05/2012
47 Vgl. Textstelle aus: Hans Richter, a.a.O.
48 Vgl. ibid.
49 Vgl. ibid.
50 Vgl. ibid.
51 Vgl. ibid.
52 Vgl. ibid.
53 Vgl. ibid.
54 Vgl. ibid.
55 Vgl. ibid.
56 Vgl. ibid.
57 Vgl. ibid.
58 Vgl. ibid.
59 Vgl. ibid.
60 Vgl. ibid.
61 Vgl. ibid.
62 Vgl. ibid.
63 Vgl. ibid.
64 Vgl. ibid.
65 Vgl. ibid.
66 Vgl. ibid.
67 Vgl. ibid.
68 Vgl. ibid.

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