alexandra reill: wien mein wien, 2008. press material

Wien mein Wien. Dokumentarfilm und Text

Thema des Dokumentarfilms Wien mein Wien ist eine [auto-]biografische Spurensuche faschistoider Prägungen aus der NS-Zeit, die sich auf Alexandra Reill als Angehörige der ersten Folgegeneration in ihrer Jugend in den 60er/70er Jahren übertragen haben.


Documentary film | DV PAL | 16:9 | 00:47:-12:–

concept | interviewing alexandra reill
camera thomas königshofer | alexandra reill
editing | sound mix alexandra reill

coordination | public relations alexandra reill
production kanonmedia | vienna 2008

Welche NS-Verdrängungsmythen tragen Folgegenerationen so genannt österreichischer Mehrheitsgesellschaft in ihrem alltäglichen Denken, Handeln, in ihren Erinnerungen, in den Überlieferungen durch die Familie?


Die 70er Jahre und damit die Jahre der Jugend der Protagonistin beinhalten die Erinnerungen an eine tief miteinander befreundete Mädchenclique, die nicht aufhörten, der Mutter vorwurfsvolle Fragen über den fehlenden Widerstand gegen die Nazis zu stellen. „Man habe nichts gewusst“ war die Standardantwort, die nie von den Jugendlichen geglaubt wurde, deren Zorn mit der immer wieder, in einer Regelmäßig- und Unverrückbarkeit gegebenen Antwort wuchs. Fernsehen und Zeitung waren täglich voll mit einer Berichterstattung über den Zweiten Weltkrieg, so dicht mit einer Phase der ersten Aufarbeitungsversuche besetzt, dass die Jugendlichen schließlich nichts mehr von dem Thema hören wollten – in der Auffassung, zu dieser Zeit nicht geboren gewesen zu sein und daher keine Verantwortung für das geschehene Grauen zu tragen.

Der geliebte Großvater starb zu Beginn der Neunziger Jahre, der Kontakt zur Pflegefamilie wurde loser, doch jeweils zu den Weihnachtsfeiertagen treffen sich seine echten Enkeln und die Protagonistin als Pflegeenkel zu Kaffee und Kuchen und schauen alte Fotos an. Weihnachten 2007, rd. 20 Jahre nach dem Tod des Großvaters: die Protagonistin hält Fotos aus dem Krieg in der Hand, wundert sich, wie adrett die Großmutter, eine Schneiderin aus Ottakring, und die gemeinsame Tochter gekleidet sind, sogar mit Pelzkragen – die Not sei doch groß gewesen, die Familie nicht wohlhabend, im Gegenteil. Wie sehr sich die Schneiderin wohl hatte anstrengen müssen, um solch adrette Kleidung zu nähen. Ihre – gäbe es eine Verwandtschaft, wäre sie ihre – ältere Schwester erzählt, dass die Familie im Krieg keine Not gelitten hätte, der Großvater sei an der russischen Front gewesen und hätte immer Pakete geschickt. Wie konnte er das nur zuwege bringen? Nun, er war ja von Beruf Handelsreisender, da muss man schon geschickt sein, nun, das war er wohl auch im Krieg. Ein verblichenes Dokument folgt, das die Schwester mit nun schon über 50 Jahren und Brille nicht richtig lesen kann, die Protagonistin hilft ihr, den alten Stempel und die Kurrentschrift zu entziffern — Entnazifizierungsbescheid. Der Großvater wurde des Verdachts auf SA-Scharführerschaft freigesprochen, nicht jedoch des Verdachts auf SA-Rottenführerschaft

Belegt. Bewiesen: SA-Rottenführer.

Der heiß geliebte Großvater, der Märchenopa, der Sozialist. Daher stammten also die Pakete, daher die adrette Kleidung. Daher die Antwort, die er ihr als Kind immer gegeben hatte, wenn sie nach dem Krieg gefragt hatte: frage nicht, es war sehr grausam, frage lieber nicht. Mehr hatte er nie gesagt.

Wen sollte sie nun mehr entlasten – die Mutter, die als „brave“ Deutsche „nie von etwas gewusst hatte oder nun den Märchenopa, bei dem es so etwas nie gegeben hatte und der nun in der Biografie der Protagonistin und lange nach seinem Tode, erst dann für sie, zum SA-Mann wurde. 

Nun ist sie in der Rolle der Täterin – wie hat sie umzugehen mit der Liebe eines Kindes zum allerbesten Großvater, den es auf der Welt nur geben kann, nun, da sie weiß, dass er SA-Mann war? Wie verändert sich diese Liebe? Was verändert die Tatsache? In einem autobiografischen Interview hinterfragt die Protagonistin ihre Identität – als Angehörige einer TäterInnen- und MitläuferInnengesellschaft, als Kind der ersten Folgegeneration.

Diese Spurensuche wird gegengeschnitten zu Interviews mit anderen Angehörigen von Folgegenerationen, die danach befragt werden, welche Erinnerungen Menschen an die Vorkriegszeit, den Anschluss und die Kriegszeit tragen bzw. welche Erzählungen von den Eltern, Großeltern oder auch schon Urgroßeltern überliefert wurden. 

Der Gegenschnitt deckt gängige Aussagen, gängige Mythen auf – Erzählungen, von denen ein Kind denkt, dass sie persönliche sind, um als Erwachsene festzustellen, dass viele dieser Erzählungen deckungsgleich mit den Erinnerungen anderer so genannter MehrheitsösterreicherInnen sind, keine persönlichen Erzählungen, Aussagen einer Mehrheitsgesellschaft, Aussagen einer Generation, die mordenden Rassismus duldete, unterstützte und betrieb.

text alexandra reill | vienna 2008

Leander Kaiser: Die Schuldbewussten
Anmerkung zum 70. Jahrestag der Reichskristallnacht und zum Film Wien mein Wien von Alexandra Reill. Wien, im November 2008

Die Schuldbewussten pflegen eine Art Theologie, die genau so antipolitisch ist wie die Haltung derer, die von den Verbrechen des Nationalsozialismus nichts mehr wissen und hören wollen. Man werde mit der Schuld seines Volkes – des Tätervolkes – geboren. Abgesehen davon, dass mein Geborenwerden für mich zwar die Bedingung des Daseins darstellt, aber ansonsten ein nach Zeit und Ort kontingentes Ereignis ist, ermöglicht ein solches Schuldbewusstsein nicht einmal Reue, ist ohne jede Aussicht auf Absolution, da ich nur bereuen kann, was ich selbst getan habe. Dieses Schuldgefühl – oft stellvertretend für die, die ihre Taten nicht bereut haben – bleibt unbefriedigt in sich und sucht seinen Ausweg darin, zum Schuldbewusstsein zu bekehren, zum Bewusstsein der Blutschuld zu verpflichten, die das ganze Volk zu tragen hat. Es ist, als wäre der psychische Überbau des Christentums, als wären Glaube, Liebe, Hoffnung den Menschen verloren, und so dadurch als sein festes Fundament das schlechte Gewissen, die Sündigkeit, die Erbsünde bloßgelegt worden. Es gilt nichts mehr, unschuldig geboren zu sein.

Vielleicht noch schlimmer als dieses depravierte Christentum ist, dass in solchen Begriffen wie Tätervolk die Idee der Volksgemeinschaft als eines Ganzen, dessen Teil das Individuum ist und in dessen Schicksal es aufgeht, fortgeschrieben wird. Wenn auch unter anderen Vorzeichen korrespondiert solches Gemeinschaftsgefühl derer, die sich als reuige Erben der Schuld der Verbrechen des Naziregimes fühlen, der Dumpfheit derer, die sich als Wir Österreicher von den Anderen abgrenzen. Man huldigt – natürlich unbewusst – einem Anti-Individualismus, den auch die völkischen Ideologen pflegen. Das erste Recht des Individuums ist, nicht unter eine Kategorie subsumiert zu werden, die nicht universal ist, d.h. eine Bestimmung, die nicht allen Menschen als Menschen zukommt. So die Erklärung der Menschenrechte.

Ich halte daher die Rede vom Tätervolk für eine Verführung zur Unfreiheit, eine Bewusstlosigkeit in Bezug auf das nationalsozialistische und völkische Gedankengut und für einen Beitrag zur allgemeinen Entpolitisierung.

Wenn das Individuum seine Verantwortung in der Gesellschaft der Individuen, in der politeia, auf Grundlage seiner Freiheit wahrnehmen will, so gebietet die welthistorische Erfahrung des Nationalsozialismus den Kampf gegen das nationalsozialistische Gedankengut und gegen die demokratiefeindlichen Tendenzen in Politik und Gesellschaft*.

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Die spezielle Verwicklung eines Teils der österreichischen Gesellschaft in die Verbrechen des NS-Regimes bedingt weitere Verantwortungen: die Wiederherstellung des Rechts der Verfolgten, die Erinnerung an die Opfer, die Bestrafung und Kenntlichmachung der wirklichen Täter, ihrer Motive und Ideen. Aber auch die Erinnerung daran, dass das Leben und Schaffen derer, die im Widerstand und Exil waren, für uns wertvoll ist.