Roma Artist CEIJA STOJKA. What Should I Be Afraid of?

Upcoming:
Buchpräsentation im Rahmen von
salz kammer gut 2024. European Capital of Culture. Bad Ischl. Salzkammergut: „Hoffnung: Das war was uns stärkte“ / Ebensee / A / 06/07/-29/09/2024


Das Österreichische Kulturforum New York widmet diesen Band einer wirklich bemerkenswerten Frau: Ceija Stojka.(*) Die erste englischsprachige Monographie über [… die Schriftstellerin und Künstlerin …,] mit unveröffentlichten Texten und Tagebucheinträgen von Ceija Stojka.(**) | Lektorat der deutschsprachigen Originalfassung des Essays von Simona Anozie / Co-Übersetzung des Texts und der in der Publikation veröffentlichten Gedichte von Ceija Stojka


authors
simona anozie | stephanie buhmann | lorely e. french | michaela grobbel | susanne keppler-schlesinger | carina kurta | with poems, text, and images by ceija stojka
curators stephanie buhmann | lorely e. french | susanne keppler-schlesinger | carina kurta

translation from german to english
simona anozie and alexandra reill | stephanie buhmann | lorely french | michaela grobbel | carina kurta
editors stephanie buhmann | lorely french | carina kurta

publishers austrian cultural forum new york / hirmer publishers | munich / d | new york city / us | 2023
publishing house hirmer publishers | munich / d | 2023
hard cover, 104 pages, 45 color illustrations
ISBN 978-3-7774-4272-3

specification of contribution:
editing of simona anozie’s essay in german | co-translation of the text and of ceija stojka’s poems from german to english alexandra reill


[Ceija Stojka] war eine Überlebende von drei Konzentrationslagern, autodidaktische Künstlerin, mutige Aktivistin, engagierte Mutter, Großmutter, Matriarchin – und ein moralischer Kompass für viele.(***) Seit den 1980er Jahren schuf Stojka über tausend Zeichnungen und Gemälde, deren Themen von Landschaften und Erinnerungen an ihr glückliches Vorkriegsleben als Teil einer großen Pferdehändlerfamilie bis hin zur zunehmenden Unterdrückung der Roma unter dem Naziregime reichen. Nachdem sie als Kind die drei Konzentrationslager Ravensbrück, Bergen-Belsen und Auschwitz überlebt hatte, hinterließ Stojka ein Werk, in dem sie ihre persönlichen Erfahrungen mit Verhaftung, Vernichtung, Überleben und Befreiung schilderte, die von Millionen geteilt wurden. Dieses Buch dient als Erweiterung der umfassenden Ceija Stojka-Ausstellung, die […] im Jahr 2023 vom Österreichischen Kulturforum New York […] veranstaltet wurde.(****)



SIMONA ANOZIE
„ICH WEIß, DASS EIN BAUM AN DIESER STELLE NICHT WIE JEDER ANDERE IST“


Als Kind liebte meine Großmutter den Pferde- und den Teppichhandel, die Marktfahrerei, das Leben im Wohnwagen und die Reisen über die Landstraßen Österreichs. Die Landkarte konnte sie auswendig, besser als ein Navi, und später war sie eine sehr gute Autofahrerin. Wenn ich mit ihr in Österreich unterwegs war, zeigte sie mir die Plätze, wo die Familien mit den Wohnwägen gestanden hatten.

Nach Auslandsreisen war sie jedes Mal froh, wieder zuhause zu sein: „Ich bin eine Wurzel aus Österreich“. Als sie für einen Vortrag in Japan war, aß sie nur Kartoffeln, alles andere war ihr zu unsicher. Ceija Stojka liebte Österreich, trotz der dunklen Zeiten, die sie erleben hatte müssen. Einmal habe ich sie gefragt, warum seid ihr hiergeblieben? Das war für sie kein Thema. Sie hätte sich in einem anderen Land nicht wohlgefühlt – „eine Wurzel die sich auch nicht umsetzen läßt“.

Ihre Ängste und Albträume, die zeigte meine Großmutter nicht gerne. Aber dazwischen brachen sie durch, ob sie wollte oder nicht. Manchmal, wenn wir kochten und meine Mutter Silvi die Kartoffeln zu dick schälte, da sagte sie: „Mit dieser Schale… hätte ich zwei Tage Essen gehabt…, in Auschwitz.“ Oder – ich war auf der Suche nach einem Auto. Beim Gebrauchtwagenhändler sahen wir einen SUV, aber weil er auf der Seite einen Aufkleber mit einem Adler hatte, war sie gleich dagegen. Sie mochte auch keine Tattoos, wegen ihrer KZ-Nummer. Mir war immer bewusst – was sie als Kind erlebt hatte, war nicht nur sehr dunkel gewesen. Es war das Grauen. Wir mußten nicht viel reden…

Umso stolzer war ich, als sie ihr erstes Buch geschrieben hatte – „Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin“, in dem sie über den Terror berichtet, dem sie und unsere Familie in den Konzentrationslagern ausgesetzt waren. Als erste autochthone Lovara-Frau hatte sie in den 80er-Jahren ihre Geschichte erzählt und damit mit den Traditionen und der patriarchalischen Community gebrochen: Als Frau gehst du nicht einfach in die Welt hinaus. Außerdem redest du nicht mit „Gadje“ über „Rom-Angelegenheiten“. Romanes wurde noch geheimgehalten, Rom oder Romni zu sein wurde versteckt. KZ-Opfer verschwiegen ihr Überleben.

Sie hatte ihre Ängste bezwungen. Sie hatte ihr Schweigen gebrochen, und von diesem Augenblick an wandte sie sich an die Welt, hielt Vorträge gegen das Vergessen und ging in Schulen, um von dem, was sie erlebt hatte, zu berichten. Für ihre Arbeit als Zeitzeugin erhielt sie viele Auszeichnungen.

Und schrieb weiter. „Reisende auf dieser Welt“ handelt von ihrem Leben nach dem Krieg und der Härte, wieder ein „normales“ Leben aufzubauen. In „Träume ich, dass ich lebe?“ erinnert sie sich an das Grauen im KZ Bergen-Belsen und die Befreiung durch die britische Armee. 2008 erschien dann „auschwitz ist mein mantel“, mit Gedichten und Bildern.

Neben dem Schreiben war das Malen ihre Leidenschaft und ein weiteres Ventil für die Qualen, die ausgedrückt werden mussten. Nach ihrem ersten Buch hatte sie gedacht, die Mauer ihrer Ängste durchbrochen zu haben, aber immer wieder war sie gezwungen, mit ihnen zu kämpfen. Sie musste das Grauen in Worten auf Papier und in Bildern auf Leinwand bringen. Wieder und wieder musste sie es durchleben, wo sie doch sicher sein wollte, dass sie es nie wieder erleben muss.


Wir sind nicht traurig
dass wir tot in Bergen-Belsen
durch Hunger Durst
und Prügel bezwungen
Der Tod ist Die Erlösung
So schön Wie Die Geburt
Doch sollen die Massengräber
drohend sich erheben
Ein Riesenvogel
und zu denen schweben
die an ihrem Tode Schuld sind
in ihren Gedanken ruhelos leben
Massengräber da und dort
Bin ich schuldig
Der Menschenvogel zieht an mir vorbei
Hab ich Glück
ich war nicht dabei


Nach Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück ist das KZ Bergen-Belsen das Lager, in dem sie am Ende war.

Zum 45. Jahrestag der Befreiung war sie in die Gedenkstätte eingeladen.
Sie fuhr die ganze lange Strecke mit ihrem Wagen, meine Tante Nuna am Beifahrersitz und ich auf der Rückbank. Wir übernachteten in einer Raststätte. Im Zimmer stand ein Doppelbett, an der Wand war ein Klappbett montiert. Sofort sagte sie zu mir: „Da schläfst du nicht, du schläfst bei uns.“ Viel zu sehr erinnerte sie das Klappbett an die Holzpritschen in den Baracken.

Am nächsten Tag fuhren wir weiter. Es war offensichtlich, dass ihre Ängste mit jedem gefahrenen Kilometer mehr und mehr hochkrochen. Kurz bevor wir ankamen, standen entlang der Straße hohe, dunkle Nadelbäume, die meine Großmutter sofort wiedererkannte. Das sonnige Licht des Tages war verschwunden, die Schatten der Bäume machten alles dunkel… Es gab dort keine Luft zum Atmen… Die Fahrt durch den Wald schien endlos… Da wurde mir bewußt, wie versteckt das Gelände war… 
Und dann, auf einmal, war da der riesige Platz, wo das Konzentrationslager gestanden war.

Auf dem weiten Feld von Bergen-Belsen suchte Ceija nach „ihrer“ Baracke. Wo 1945 die Leichen vor den Verschlägen aufgetürmt waren, sind heute die Massengräber, auf jedem der Hügel ein Schild – 3.000, 4.000, 5.000 Tote… Die Baracken sind abgerissen und niedergebrannt; doch meine Großmutter fand den Platz, wo „ihre“ gestanden war.

Und sie fand ihren „Lebensbaum“ – den Baum, dessen Blätter und Rinde sie gekaut, dessen Harz sie gezuzelt hatte. Erst war sie sich nicht sicher, es war ein kleiner, junger Baum gewesen, 45 Jahre waren inzwischen vergangen, aber Ceija erinnerte sich, dass er an der Krone eine Kerbe hatte. Sie folgte ihrem Gefühl, ging auf einen Baum zu – ganz brüchig und morsch war er – und sah die Kerbe; und wusste, es war „ihr“ Baum. Sie umarmte ihn. Und sah alles wieder vor sich.

In diesem Moment brach ein dünner Ast von dem toten Baum. Auch er war gestorben, im Lager.
Sie nahm den Ast mit. Als Zeichen ist er in jedem ihrer Bilder.

Meine Großmutter Ceija war sehr zerbrechlich und trotzdem eine leidenschaftliche, liebevolle, starke und nicht zu erschütternde Frau, die immer hinter ihrer Familie stand. Zu malen begann sie an einem Tag, an dem sie mir als Kind beim Zeichnen zusah. Es war wohl einer von diesen vielen Augenblicken, in denen sie sich wieder für das Leben entschied. Die Dämonen des Grauens quälten sie bis zuletzt, doch nie hörte sie auf, ihnen zu drohen. Ceija Stojka malte und schrieb jeden Tag:


Die Natur ist mein Leben, ich halte mich gern an einem Baum an.“


Wien, im April 2023
(*****)



Roma Artist CEIJA STOJKA. What Should I Be Afraid of? presented at
— salz kammer gut 2024. european capital of culture. bad ischl. salzkammergut / ebensee / a / 24
— the wende museum / culver city, ca / us / 24

Roma Artist CEIJA STOJKA. What Should I Be Afraid of? featured by
— national fund of the republic of austria for victims of national socialism / vie / a / 24
— chicago. the university of chicago press / chicago / us / 24
— austrian cultural forum new york on instagram / int / 24
— sonoma state university / rohnert park, ca / us / 24
— google.books / int / 24
— allevents in culver city / culver city, ca / us / 24
— eventbrite / nyc / us / 24
— buchhaus.ch / solothurn / ch / 24
— austrian embassy washington / washington / us / 23
— zukunftsfonds der republik österreich / vie / a / 23
— kontakt. the art collection of erste group and erste foundation / vie / a / 23
— fresco. das magazin für kultur- und kunstgenießer / munich / d / 23
etc.

(*) Keppler-Schlesinger, Susanne: in: Buhmann, Stephanie / French E. Lorely / Keppler-Schlesinger, Susanne / Kurta, Carina [Hg.]: Roma Artist. CEIJA STOJKA. What Should I Be Afraid of?. Vorwort, Hirmer Verlag, München 2023. Erstauflage, S. 6.
(**) Hirmer Verlag [Hg.]: ROMA ARTIST CEIJA STOJKA. What Should I Be Afraid of?, https://www.hirmerverlag.de/de/titel-1-1/roma_artist_ceija_stojka-2518/, letzter Aufruf: 03/15/2024. Übersetzung vom Englischen ins Deutsche: Alexandra Reill, 2024.
(***) Idem.
(****) buchhaus.ch [Hg.]: Roma Artist Ceija Stojka. What Should I Be Afraid of?. Synopsis, https://www.buchhaus.ch/de/buecher/fachbuecher/kunst/kunst_malerei/detail/ISBN-9783777442723/Buhmann-Stephanie/Roma-Artist-Ceija-Stojka, letzter Aufruf: 03/15/2024.
(*****) Erstveröffentlichung des Essays mit Genehmigung von Simona Anozie, kanonmedia online, Wien, 14/07/2023. Übersetzt vom Deutschen ins Englische: Simona Anozie und Alexandra Reill, Stephanie Buhmann, Lorely E. French, Michaela Grobbel und Carina Kurta. Wien / New York City, NY / Forest Grove, OR / Rohnert Park, CA / Marseille 2023. Editierte Version: kanonmedia online, Wien, im Dezember 2023.