Kilian Franer, Ulli Fuchs [Hg.], Erinnern für die Zukunft. Textbeitrag

Alexandra Reill, Heinz Moldau: Nelkengasse, in: Kilian Franer, Ulli Fuchs [Hg.], Erinnern für die Zukunft

publisher echomedia | vienna 2009
ISBN 3902672188, 9783902672186; 286 pages.
distribution morawa | amazon.de / .fr / .es / co.uk


NELKENGASSE [Auszug]

Vor allem die Häuser Nr. 4 und 6 in der Wiener Nelkengasse bilden einen tragischen Schwerpunkt im Mariahilf der Jahre 1938 bis 1945 – in eben diesen Häusern wurden konzentriert Sammelwohnungen eingerichtet, aus denen einunddreißig Menschen in die […] Konzentrationslager Kielce, Litzmannstadt/Lodz, Kowno, Maly Trostinec und Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Im Rahmen des Jahresprojekts „Erinnern für die Zukunft“ bildete diese Situation für mich als Filmemacherin den Ausgangspunkt für ein Konzept zu einem Dokumentarfilm, der sich schließlich ganz anders gestaltete als gedacht. Ursprünglich wollte der Film NELKENGASSE versuchen, der Gasse und ihrer spezifischen Geschichte Befindlichkeiten von Menschen, die heute in der Nelkengasse leben, gegenüberzustellen, um so einen Blick auf ein Heute zu werfen. Die Bezirksvorstehung Mariahilf verlegte 2008 Gedenktafeln zur Erinnerung an die aus der Nelkengasse deportierten Menschen – wie würden AnrainerInnen dazu stehen? Werden die Gedenktafeln bemerkt? Werden sie übersehen? Wissen heutige AnrainerInnen, dass sie in ehemaligen Sammelwohnungen leben? Was geht in ihnen vor, wenn sie es erfahren? Oder sich daran erinnern müssen? Dies waren Fragestellungen, von denen das anfängliche Konzept ausging und mit denen eine Recherche zur Nelkengasse begann.

Die Gespräche mit AnrainerInnen erwiesen sich als schwierig. Bei meinen Versuchen, Zustimmung zu Interviews mit älteren Menschen in der Gasse zu gewinnen, Menschen, die aus der Kriegsgeneration stammen, die zum Teil auch während des Kriegs Wohnungen in den betroffenen Häusern von einem Wohnungsamt erhielten, stieß ich auf völlige Ablehnung. Niemand will sich erinnern – das war die Botschaft, die mir übermittelt wurde. Zu angegriffen gefühlt stellten sich mir diese Personen dar, und die Angst vor der logischerweise sich stellenden Frage, wie sie damit umgehen, in arisierten Wohnungen zu sein, war greifbar.

Sommer 2008. Wie weitertun? Wie umgehen mit dem Gedenken?
Im Rahmen von „Erinnern für die Zukunft“ konstituierte sich auch eine Geschichtswerkstatt, in der ehrenamtlich Tätige die lokale Geschichte des Bezirks hinsichtlich einer Aufarbeitung der NS-Zeit weiter zu recherchieren versuchten. Einmal suchte Susanne Moldau, die Gattin des Cousins von Heinz Moldau, die wusste, dass dessen Familie bis 1938 in der Nelkengasse 6 gewohnt hatte, eine dieser Arbeitsgruppen auf. Sie erzählte der Geschichtswerkstatt von der Familie ihres Mannes und stellte den Kontakt zu Heinz Moldau her. Heinz Moldau lebt[e …] [über] 20 Jahre[…] auf den Orkney Islands, nördlich des schottischen Festlands. Er schrieb einen Text über seine Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in Wien und die Flucht 1938.

Sofort wurde ich hellhörig, sofort berührt. Ich wusste, ich musste Kontakt aufnehmen. War scheu, unsicher – wie würde Heinz Moldau darauf reagieren, wenn ich ihn als eine ihm völlig unbekannte Person kontaktieren würde, ihn nach so traumatischen Erlebnissen fragen würde? Meine E-Mail wurde beantwortet, und es entstand eine Korrespondenz, ein Kennenlernen, ein Fragen. Gespräche in E-Mails. Nur wenige Wochen später, im Herbst 2008, durfte ich gemeinsam mit Susanne Moldau Heinz Moldau auf den Orkneys besuchen. Es war eine unglaubliche Woche. Vom ersten Tag an durfte ich alle Zeit mit Susanne und Heinz verbringen, war willkommen in der Familie, begrüßt und aufgenommen. Wir redeten und redeten, erzählten und erzählten, sprachen über Vergangenes und Werdendes, über ein altes und ein neues Wien, über Heimat und über die Welt, über Religion und Atheismus. Wir produzierten nicht einfach ein Interview, viel zu viel hatten wir einander insgesamt zu erzählen … Eine Freundschaft entstand.

Heinz Moldau: DIE MOLDAU-FAMILIE UND IHRE FLUCHT AUS ÖSTERREICH 1938
Es ist jetzt 70 Jahre her, seit die Familie Wien verlassen hat. Meine Eltern waren Max Moldau, geboren in Wien, und Grete Moldau (geborene Brunn), geboren in der Tschechoslowakei, damals ein Teil von Österreich-Ungarn. Sie heirateten 1921 und lebten in Wien. Wir haben oft und gerne an die Geschichte ihrer ersten Begegnung gedacht. Bei einer ihrer häufigen Einkaufsreisen wurde Grete Brunn mit Max Moldau bekannt gemacht, und er hat oft von dem nächsten Zusammentreffen, wahrscheinlich im Stadtpark, gesprochen. Er hatte damals einen kohlrabenschwarzen Schäferhund mit und einen großen Buschen weißen Flieder in der Hand. Sie war sehr beeindruckt.

Heinz kam 1922 zur Welt, und Trude 1924. Vorerst lebten wir in einer schönen Villa in Purkersdorf, und später in einer schönen, großen Wohnung, im vierten Stock, Wien 6, Nelkengasse 6. Die Einrichtung entsprach dem guten Geschmack der Eltern. Wenn ich an die Nelkengasse denke, dann erscheint mir zuerst das Bild von dem schönen Stiegenhaus von Nummer 6, mit dem alten Aufzug, dem Schlüssel, welchen ich immer wieder verloren habe. Dann denke ich an die herrliche Wohnung und an den wunderbaren Esterházypark am Ende der Nelkengasse, und an das daneben liegende Amerlinggymnasium, wo ich seinerzeit den Lehrern das Leben schwer gemacht habe.

[…]

Vater war der Eigentümer einer Fabrik für Sportartikel, Leder- und Reisewaren, beschäftigte über 100 Arbeiter und war für Artikel höchster Qualität bekannt. Die Marke war Molmax. Er war ein anerkannt guter Chef, der alle Arbeitsgänge selbst machen und lehren konnte. Zu Beginn der Pariser Weltausstellung 1937 schickte Vater einige Exemplare von Molmax-Artikeln nach Paris, und gewann sowohl den Grand Prix als auch die Medaille d’Argent.

Und dann kam 1938 und der Anschlu[ß]. Das Schicksal der Juden unter Hitler ist weltbekannt. Wir waren eine jüdische Familie. Sehr bald wurden Wege gefunden, uns […] Geld wegzunehmen. […] Die Fabrik wurde angeblich verkauft, aber in Wirklichkeit enteignet. In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass Vater mich, den damals 15-Jährigen, fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er die Fabrik seinen Arbeitern schenken würde. Ich kann die Fabrik keinesfalls behalten, hat er gesagt, und die Arbeiter haben mir doch geholfen, die Firma zu dem zu machen, was sie heute ist. Jedoch die Nazis hatten andere Ideen.

Ich war damals Schüler in der Handelsakademie, und Trude war in einer Schule in der Linken Wienzeile. Wir mussten beide die Schulen schnellstens verlassen. Alles was geschah machte es sehr klar, dass wir schnellstens einen Weg finden sollten, Österreich zu verlassen. Die offizielle Politik war, dass Juden auswandern mussten. In Wirklichkeit wurden die meisten arretiert und in Konzentrationslager transportiert, um dort ermordet zu werden. Glücklicherweise waren meine Eltern beliebte Menschen, und daher bekamen wir viel Hilfe von Nichtjuden, die oft ein großes Risiko dabei auf sich nahmen. Jedes Mal, wenn eine Razzia für die Nelkengasse geplant war, bekamen wir einen anonymen Anruf und wurden gewarnt, an einem bestimmten Tag nicht in unserer Wohnung zu sein. So wurden wir wiederholt gerettet. Die Eltern suchten krampfhaft nach einem Weg zu entkommen. Vorerst war es notwendig, ein Land zu finden, welches uns aufnehmen würde und uns die Bewilligung geben würde, dort zu arbeiten. Es war gut, dass Max Moldau international als Hersteller von Qualitätsartikeln einen guten Ruf hatte. So war es möglich, Leute mit Kapital im Ausland für eine Zusammenarbeit zu interessieren. Nachdem so ein Partner gefunden war, musste um Einreise- und Arbeitsbewilligungen von Großbritannien angesucht werden. England hatte damals eine große Arbeitslosigkeit im Norden und gab Vater daher die Erlaubnis, eine Fabrik in Newcastle zu errichten. Später wurde das auf London umgeschrieben.

Jetzt war es höchste Zeit, von Österreich wegzukommen. Aus irgendeinem Grund bekam Vater einen Endtermin für die Ausreise vorgeschrieben und musste Omi auf eine Zeit zurücklassen.

Die Quäker haben irgendwie, wahrscheinlich durch Bestechung, die Nazis dazu veranlasst, Kindertransporte für jüdische Kinder zu bewilligen. So wurde es für Heinz und Trude möglich, per Zug über Holland und Harwich nach England zu gelangen. Heinz hat daher die größte Bewunderung für die Quäker und deren gute Taten. Er denkt oft an den Ausspruch: „Hände, die helfen, sind heiliger als Lippen, die beten.“ Es war eine harte Zeit für uns alle, aber Kinder können sich schnell in eine neue Situation hineinfinden.

Jetzt sind also Heinz und Trude in England, Heinz, mit einem jungen Freund aus Wien, in einem kleinen Zimmer, Trude im Haus eines Onkels einer Schulfreundin. […] Heinz verdient ein wenig durch das Tippen von Briefen in deutscher Sprache für einen Wiener Geschäftsmann, der in London ein Büro hat. Heinz und Trude kommen auf eine Zeit außer Kontakt[…].

Zurück nach Wien: „Omi“, meine Mutter Grete Moldau, wie wir sie nach der Geburt ihres ersten Enkels nannten, war noch dort und war damit beschäftigt, die Wiener Wohnung aufzulösen und den Inhalt transportfähig zu machen, was sie vorbildlich schaffen konnte. Hier kommen wir zu einer sehr denkwürdigen Geschichte, die klar zeigt, dass viele Wiener bereit waren, große Risiken einzugehen, um Juden zu helfen. Die Nazis hatten eine Verordnung herausgebracht, dass Juden nur gemalte Bilder ins Ausland nehmen dürfen, die Familienmitglieder darstellen. Ein Mann vom Kunsthistorischen Museum war beauftragt, dafür zu sorgen, dass diese Verordnung befolgt wurde. Als Omi dabei war, den Wohnungsinhalt zu verpacken, waren da zwei sehr wertvolle Bilder, eine Dame von Waldmüller gemalt und ein Herrenkopf von Anton Raphael Mengs. Der Mann vom Museum besichtigte die Bilder und sagte: „Ah, die Gnädige Frau und der Herr Gemahl.“ Omi hätte niemals den Mut gehabt, so etwas zu behaupten. Aber die Bilder wurden verpackt und sind heute noch hochgeschätztes Familieneigentum. Was wäre wohl dem Mann vom Museum passiert, wenn seine gute Tat den Nazis bekannt geworden wäre? […]

Der Inhalt der Wiener Wohnung füllte einige Container. Nun folgt eine Geschichte über das sehr schäbige Vorgehen von Seiten einer Speditionsfirma in England: Als wir alle in London und in Sicherheit waren, kam eine Postkarte von einer Speditionsfirma, um uns mitzuteilen, dass alle Container angekommen waren und wo sie zur Zeit im Hafen von London gelagert waren. Kurz danach kam ein Brief von der gleichen Firma, in dem stand, dass unsere Container leider von den Nazis in Hamburg konfisziert worden waren, wogegen die gute Firma keine Eingriffsmöglichkeit hätte. Wir gingen ins Büro der Speditionsfirma und zeigten die Postkarte. Wir wurden informiert, dass hier ein Missverständnis vorliege. Aber wir hatten großen Zweifel. Diese Postkarte war ein Geschenk des Himmels.

Ein paar Wochen zurück. Vater, Heinz und Trude sind in London. Es ist Herbst 1938. Wir erwarten Omi am Flugplatz. Das Flugzeug kommt. Keine Omi. Wir sind verzweifelt. Wir gehen zu einer Telefonkabine und rufen in der Wiener Wohnung an. Das Mädchen antwortet und sagt uns: „Die Gnädige Frau […] hat den Flug verpasst. Sie kommt morgen mit demselben Flug.“ Das hat auch geklappt, aber wir haben ihr niemals verziehen, dass sie uns damals einen solchen Schrecken bereitet hat.

Jetzt sind wir alle in London und wir brauchen ein Heim und einen Arbeitsplatz. Aber das ist eine andere, vielleicht die nächste Geschichte.

Lektorat Textbeitrag Heinz Moldau: Alexandra Reill, Vienna 2008 / 2020 / 2023


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— AutorInnenkollektiv: Gedenktafeln Erinnern für die Zukunft – Loquaiplatz, in: Wien Geschichte Wiki, access: 02/11/2020, status: 24/09/2018
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